Etappenort: Evian-les-Bains
Zum ersten Mal in ihrer Geschichte startet die Tour de France nicht in Paris!
Henri Desgrange, Gründer und Direktor der Tour de France, wollte das Rennen stärker in den Regionen Frankreichs etablieren.
Daher hatte man sich auf die Suche begeben nach einer Stadt, die würdig ist, den Grand Départ auszutragen. Fündig wurde man am Genfer See: Évian-les-Bains...
Eine Stadt mit damals gerade einmal 3200 Einwohnern?
Die Bedeutung Évians liegt in seinen Heilquellen, aufgrund derer sich die Stadt zu einem veritablen Kur- und Luxusort entwickelt hatte. Sie war beliebt bei der internationalen Prominenz: Neben Künstlern, Schriftstellern und reichen Industriellen konnte man auch Regierungschefs und gekrönte Häupter in den Luxushotels und Casinos antreffen. Was für eine Welt für die Radsportler, die doch größtenteils aus armen Arbeiter- und Bauernfamilien stammten!
Évian-les-Bains war in der Zwischenkriegszeit fester Bestandteil der Tour de France:
Zwischen 1925 und 1936 war das Rennen jedes Jahr hier zu Gast. Danach kam die Tour nur noch zwei Mal zurück an die weltberühmte Quelle des Évian-Mineralwassers: 1979 gewann hier der Belgier Marc Demeyer seine zweite Tour-de-France-Etappe. Nach dem Ruhetag gewann ein gewisser Bernard Hinault das Einzelzeitfahren von Évian nach Avoriaz, nahm dem Niederländer Joop Zoetemelk das Gelbe Trikot ab und verteidigte es anschließend bis nach Paris, um dort den ersten seiner fünf Siege bei der Grande Boucle zu feiern. Letztmalig machte die Tour de France im Jahr 2000 Station in Évian als Startort zur 16. Etappe, die der Rabobank-Fahrer Erik Dekker in Lausanne gewann.
Erst im Jahr 2026 wird die Tour de France zurückkehren, um mit einem Einzelzeitfahren das 100-jährige Jubiläum des Grand Départ in Évian-les-Bains zu feiern.
Strecke
Die 1. Etappe startete am Südufer des Genfer Sees in Évian-les-Bains.
Bereits nach wenigen Kilometern verlassen die Fahrer hinter Thonon-les-Bains das Seeufer und begeben sich auf welligem Terrain in Richtung Annemasse vor den Toren Genfs. Direkt entlang der Schweizer Grenzen geht es ins Rhonetal, die vor Collonges überquert wird. Danach müssen die Fahrer auf fast 200 km Länge das Juragebirge durchqueren.
Ziel der Tour-Organisatoren war es ja gewesen, die langen Anstiege bereits früher im Verlauf des Rennens einzubauen, um die Spannung zu erhöhen. So wartet bereits nach 126 km der Col de la Faucille (1323 Meter) auf die Fahrer – ein Anstieg der 1. Kategorie, der mit 11,1 km Länge und einer durchschnittlichen Steigung von 6,4% ein erster Scharfrichter im Rennen ist. Viele Fahrer kennen den Berg bereits aus den vergangenen Jahren, denn oftmals wurden zur damaligen Zeit dieselben Etappen – mit gegebenenfalls leichten Abwandlungen – jedes Jahr aufs Neue ins Programm genommen.
Nach der Überfahrt des Col de la Faucille bleibt das Peloton auf dem Hochplateau des Jura, wobei es drei weitere Bergwertungen zu absolvieren gilt: auf den Col de la Savine (998 Meter, 3. Kategorie) folgen der Col de Châtelblanc (1014 Meter, 3. Kategorie) und die Côte des Fins (910 Meter, 4. Kategorie).
Schließlich begeben sich die Fahrer auf eine rasende Abfahrt hinab ins Tal des Doubs und durchqueren die Industriestädte Sochaux und Montbéliard, bekannt durch das 1912 eröffnete Peugeot-Werk, das bis heute das größte der französischen Automarke ist.
Die letzten 60 Kilometer bieten keine topographischen Herausforderungen mehr. Über Belfort gelangen die Fahrer ins Elsass, wo sie nach 373 km das Ziel in Mulhouse in der Rue du Château Zu-Rhein überqueren.
Etappenbericht
Hello, bonjour und guten Tag zur 1. Etappe!
Am Start in Évian hatten sich am Vorabend des Grand Départ nach und nach Menschen versammelt, um dem Spektakel beizuwohnen. Sogar Sonderboote aus der Schweiz waren organisiert worden, um die Zuschauer nach Evian zu bringen. Aber warum denn bereits am Vorabend? Klar! Denn der Startschuss wurde nachts um 2 Uhr gegeben! Hintergrund ist, dass die Strecke von 373 km derart lang war, dass die Fahrer eben sehr zeitig losgeschickt werden mussten. Außerdem sollten sie natürlich zu einer für die Zuschauer und Organisatoren angenehmen Uhrzeit das Ziel in Mulhouse erreichen und nicht erst spät abends oder gar nach Anbruch der Nacht.
Immerhin waren die Regenwolken des Vortages verflogen, sodass sich die 126 waghalsigen Fahrer vor einer enthusiastischen Menschenmasse auf den Weg machen konnten. Bei der Verpflegungskontrolle in Gex am Fuße des ersten großen Anstieges des Rennens gab es aber bereits Beschwerden der Fahrer. Der Zustand der Straßen sei vollkommen miserabel! Vor allem auf dem Abschnitt zwischen Thonon-les-Bains und Saint-Julien-en-Genevois habe dies zu vielen Defekten geführt. Auch den Vorjahressieger Ottavio Bottecchia erwischte es bereits, was dazu führte, dass die Konkurrenz das Tempo erhöhte, um gleich ein paar Minuten auf den großen Favoriten herausfahren zu können. Der damals noch aktive Rugbyspieler und Journalist Charles-Anthoine Gonnet schrieb in L’Auto: „Die Straßen sind in einem desaströsen Zustand. Die Fahrradreifen geben den Geist auf, ihre Fetzen fliegen in alle Richtungen.“
Besonders Tour-Direktor Henri Desgrange war gespannt, mit welcher Taktik die Fahrer an die modifizierte erste Tour-Etappe herangehen würden. Erstmals keine Flachetappe in Nordfrankreich, sondern gleich eine Bergetappe! Mit Zurückhaltung hatte er gerechnet, eine Offensive hat er bekommen! Am Col de la Faucille zerlegte sich das komplette Peloton – logisch, wenn nur noch 240 km zu fahren sind… Über sieben Kilometer war der Anstieg beidseitig gesäumt mit frenetischen Zuschauern! Ottavio Bottechia schüttelte die komplette Konkurrenz ab und überquerte die Passhöhe als Erster, nach der Abfahrt bildete sich schließlich eine Spitzengruppe von sechs Fahrern. Nach und nach schienen die Beine der Fahrer aber schwerer zu werden. Hatten die Fahrer diese Etappe unterschätzt? Und tatsächlich fiel die Gruppe auseinander, sogar Bottecchia musste reißen lassen!
Es gab allerdings einen Fahrer, der das Rennen sehr zurückhaltend angegangen war und sich jetzt immer weiter nach vorne kämpfte. Der Belgier Jules Buysse aus dem favorisierten Team Automoto-Hutchinson rollte das Feld von hinten auf und sammelte jene Fahrer auf, die vormals zur Spitzengruppe gehört hatten. In Pontarlier schließlich konnte nur noch Joseph Pé mithalten, sodass ein Duo auf die letzten 160 km ging. Aber schon in Montbéliard, wo die Fabrikarbeiter von Peugeot die Straßen säumten, war Jules Buysse alleine auf weiter Flur. Am Quai Vauban in Belfort, wo sich 10.000 Menschen versammelt hatten, lag Buysse bereits mit neun Minuten Vorsprung an der Spitze. Mit viel Souplesse fuhr der 26-jährige Flame dem Ziel im Elsass entgegen und gewann die erste Etappe als Überraschungssieger schließlich mit 13 Minuten Vorsprung auf die Verfolgergruppe. Sein älterer Bruder Lucien Buysse, Vorjahreszweiter der Tour de France, verlor gar über 23 Minuten.
Und Ottavio Bottecchia? Der Journalist Gonnet berichtet uns, dass Bottecchia einen Tag zum Vergessen erlebt habe: Mehrere Plattfüße, dazu Magenprobleme während der ganzen Etappe und schließlich 34 Minuten Rückstand im Ziel. Seinen Teamkollegen versicherte er im Ziel, dass seine Zeit während dieser Tour de France schon noch kommen werde. Henri Desgrange zeigte dafür wenig Verständnis. In seinem Zeitungsartikel machte er sich geradezu lustig über Bottecchias Fahrweise: „Wenn Sie mir erklären können, was da nur in Bottecchias Birne vorgegangen ist, dann schenke ich Ihnen ein lebendes Kaninchen.“ Sagen wir es so: Desgrange war vermutlich besonders stolz auf seine Streckenplanung und freute sich insgeheim, dass der Hauptfavorit scheinbar in die Falle getappt war, indem er die Etappe zu schnell angegangen war. Abgesehen davon war Desgrange aber auch bekannt für seine markigen Worte, damit musste jeder klar kommen!
Immerhin wurden die Touristes-Routiers – also jene Fahrer, die ohne Team antraten – von seinem harten Urteil verschont. Bereits 15 Ausfälle waren zu beklagen, 111 Fahrer erreichten das Ziel, als Letzter war dies der Italiener Francesco Liverani mit 4:52 Stunden Rückstand – er saß also über 19 Stunden lang im Sattel und kam erst nach 21 Uhr in Mulhouse an. Somit war er schon weiter gekommen als bei seiner ersten Tour-Teilnahme im Vorjahr, als er es schon auf der 1. Etappe nicht bis ins Ziel geschafft hatte.
Jules Buysse hieß also der erste Träger des Maillot Jaune bei der Tour de France 1926. Blieb abzuwarten, ob er es schaffen würde, das Trikot nach dem Ruhetag auf der nächsten langen Etappe zwischen Mulhouse und Metz zu verteidigen.

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