Etappe 6: Cherbourg - Brest
21.07.2027 | 405 Kilometer | 3291 Höhenmeter
Bei einer Fahrt durch die Normandie und Bretagne macht man mehr Höhenmeter als man denkt. Der Weg nach Brest wurde am Ende beinahe zum Sekundenkrimi um den Etappensieg.
Nach dem Ruhetag in Cherbourg fanden wir uns morgens kurz nach 4 Uhr am Hafenbecken ein, um den nächsten 400-km-Kracher unter die Räder zu nehmen. Im Stockdunkeln erklommen wir Hügel nach Hügel auf der Cotentin-Halbinsel. In der Dämmerung führte die Straße immer wieder durch Sumpfgebiete, wo uns der Morgennebel ein spannendes Bild bot.
Coutances ist bekannt für eine legendäre Geschichte: 1924 verließen hier Vorjahressieger Henri Pélissier, sein Bruder Francis und Teamkollege Maurice Ville die Tour de France. Der große Star Henri Pélissier stand schon länger im Konflikt mit Tour-Direktor Henri Desgrange. Auf der Etappe Cherbourg-Brest eskalierte der Streit wenige Kilometer nach dem Start. Pélissier zog oft wegen der kühlen Morgenstunden zwei Trikots übereinander an. Das Regelwerk besagte, dass die Bekleidung während des Rennens nicht verändert werden durfte. Um dies zu kontrollieren, hatte sich ein Kommissär genähert und Pélissier ungefragt unter das Trikot geschaut. Genug war genug: Die drei setzten sich ins Bahnhofscafé von Coutances und erklärten, sie nähmen den Zug zurück nach Paris. Schnell scharten sich Schaulustige um die Rebellen, darunter der berühmte Journalist Albert Londres. Am nächsten Tag erschien sein legendär gewordener Artikel im „Petit Parisien“ - der Titel: „Les forçats de la route“ (Die Strafgefangenen der Landstraße). Er beschrieb, von welchen Zumutungen die drei Rennfahrer gesprochen hatten: aus ihrer Sicht unsinnige Regeln, übertrieben lange Etappen bei Wind und Wetter, die Strenge des Tour-Direktors. Sie zählten außerdem auf, wie dies alles nur zu ertragen sei: Alkohol, Kokain und Chloroform. Jeder hatte seine Pillen in der Trikottasche. Vom Bahnhofscafé ist heute leider nichts mehr zu sehen; das Gebäude wurde 1998 abgerissen.
Unser Weg führte uns weiter durch die Christian-Dior-Stadt Granville nach Avranches, von wo aus wir einen ersten Blick aus der Ferne auf den Mont Saint-Michel werfen konnten. Nach einem kleinen Fotoshooting vor diesem grandiosen Baudenkmal gelangten wir in die Bretagne. In Yffiniac wurden wir von einem riesigem Transparent mit dem Porträt des fünffachen Tour-de-France-Siegers Bernard Hinault begrüßt, der dort zu Hause ist.
In Saint-Brieuc wartete ein besonderer Auftritt auf uns: Die ARD hatte zur Live-Schalte geladen. Während der Live-Übertragung der Tour-de-France-Etappe in Evian-les-Bains - jenem Ort, an dem 1926 gestartet worden war - wurde ein kleiner Beitrag mit dem von Corinne erstellen Foto- und Videomaterial gezeigt. Corinne hatte mit dem Office de Tourisme von Saint-Brieuc vereinbart, dass wir die gemütliche Sitzecke im Haus für die Live-Schalte nutzen können. So konnten wir live in der ARD vom ReRide1926 und dem Spendenprojekt erzählen. Ein Erinnerungsfoto für die lieben Menschen vom Touri-Büro durfte am Ende nicht fehlen.
Henri Desgrange hatte uns glücklicherweise diese zweistündige Auszeit vom Rennen genehmigt - mürrisch zwar, aber der Werbeeffekt der Aktion für seine Tour de France hatte ihn dann doch überzeugt. So hatten wir nach dieser neutralisierten Phase also gar noch die Chance auf unseren zweiten Etappensieg. Der Wind war uns gewogen, die bretonischen Städtchen und Dörfer herrlich, die Anstiege aber steil. Mit über 4000 Höhenmetern und 414 Kilometern in den Beinen erreichten wir das ehemalige Velodrom von Brest, das heute nur noch ein unscheinbarer Fußballplatz ist. Lediglich hundert Jahre und fünf Minuten Rückstand hatten wir schließlich auf Etappensieger Joseph Van Dam - was für ein enges Ding!
Klicken zum Vergrößern
Erstelle deine eigene Website mit Webador