Etappe 10: Bayonne - Bagnères-de-Luchon
27.07.2027 | 326 Kilometer | 6238 Höhenmeter
Etappe 10 der Tour de France 1926… Radsportexperten wissen, was diese Etappe für einen Stellenwert hat. Sie steht exemplarisch für das Drama und die Härte, die Teil dieses Sports ist. Die Fahrer sind der Witterung, den Bergen und den rauen Straßen ausgesetzt. Am Ende ist es für jeden ein Kampf gegen sich selbst.
Um 4.15 Uhr starteten wir in Bayonne zur Königsetappe. Die ersten 170 Kilometer, die im Höhenprofil einigermaßen flach wirkten, führten durch die Ausläufer der Pyrenäen und wiesen bereits 1800 Höhenmeter auf. Permanenter Nieselregen und wolkenverhangene Berge schürten bei uns Ängste, dass wir nun doch in eine Zeitreise geraten sind und das Wetter ähnlich dem von 1926 werden könnte. Doch Schneestürme am Tourmalet, Eiseskälte und Dauerregen waren nicht gemeldet. Aber was wissen wir schon über das Hochgebirge? Wir verzichteten auf ein gemeinsames Gebet mit den Pilgern in Saint-Jean-Pied-de-Port und radelten kühn weiter in die Pyrenäen hinein.
Der 18 Kilometer lange Anstieg zum Col d’Aubisque war das erste Hindernis. Wartet er im unteren Abschnitt noch mit einigermaßen angenehmen Steigungsprozenten auf, zieht der Berg ab dem alten Thermalort Eaux-Bonnes ordentlich an und bewegt sich permanent zwischen 8 % und 12 % Steigung. Am ersten Berg geht es immer darum, seinen Tritt zu finden. Der Körper eines Flachlandtirolers muss sich erst wieder daran erinnern, wie man Pässe fährt. Bis zu eineinhalb Stunden am Stück das Rad für keine Sekunde einfach mal rollen lassen können - nichts, was man im Flachen tun würde. Oben am Denkmal entdeckten wir ein Denkmal für André Bach: ein passionierter Radfahrer aus der Region, der auch nach Verlust eines Armes im 1. Weltkrieg es sich nicht nehmen ließ, regelmäßig mit dem Rad seinen Lieblingsberg Aubisque zu erklimmen. Als Teil der Résistance wurde er mit über 50 Jahren ins KZ Buchenwald deportiert. Nach der Befreiung starb er auf der Rückreise nach Frankreich.
Nach kurzer Abfahrt, Gegenanstieg zum Col du Soulor und langer Abfahrt steuerten wir den Tourmalet an. Zunächst zehn Kilometer talaufwärts nach Luz-Saint-Sauveur. Kaum zu glauben, dass der offizielle Anstieg erst beginnt, nachdem man schon über eine halbe Stunde teils steil bergauf gefahren ist. Nach kurzem Boxenstopp in Luz begaben wir uns in der größten Nachmittagshitze auf die völlig schattenfreie 19 Kilometer lange Passstraße. Timm fuhr bis zum Gipfel auf vier Minuten davon. Es ist angenehmer, wenn jeder seinen eigenen Wohlfühltritt findet. Nach mehreren Blockaden von revolutionären Kühen (die Bewegung „La vache qui crie“ hat nun auch die Pyrenäen erreicht) gelangten wir ins grandiose Gipfelpanorama der letzten Kilometer. Schwebt man mit seinem Rennrad auf winzigen Passstraßen auf über 2000 Metern Höhe, überkommen einen die Glücksgefühle. Oben noch ein wenig die Aussicht genießen und ein Foto vor dem „Géant du Tourmalet“ und dann ab ins Tal, bevor man auskühlt.
In La Mongie gerieten wir urplötzlich in dichten Nebel. Nichts da mit Rollenlassen! Statt dessen mussten wir bei kaum 50 Metern Sichtweite zusehen, dass wir die Bremsen zogen und unsere dunklen Radbrillen von der Nase nahmen! Nach anstrengender Abfahrt erreichten wir Sainte-Marie-de-Campan, wo seit 2014 ein Denkmal für Eugène Christophe eine Straßenecke ziert. Erinnert wird an den wohl berühmtesten Defekt der Tour-de-France Geschichte. Christophe brach auf der Abfahrt vom Tourmalet die Gabel. Das Reglement besagt, dass sich die Fahrer bei Defekten von niemanden helfen lassen durften. Er lief also über zehn Kilometer hinab ins Tal bis ins nächste Dorf, suchte eine Schmiede auf und reparierte seine Stahlgabel selbst. Eine Zeitstrafe bekam er unter den strengen Augen der Rennkommissäre dennoch, da ein kleiner Junge den Blasebalg betätigt hatte. Der Tour-Sieg für den bis dahin Gesamtführenden war damit futsch.
Die nächsten 12 Kilometer Anstieg hinauf zum Col d’Aspin bewältigten wir in dichtem Nebel. Oben sahen wir kaum die Hand vor Augen. Dies änderte sich glücklicherweise wieder auf der herrlichen Abfahrt ins Louron-Tal. Von dort aus erwartete uns direkt der letzte, 10 Kilometer lange Anstieg zum Col de Peyresourde. In dem Wissen, dass wir die Königsetappe dann überstanden hätten, meisterten wir auch noch diese letzte Herausforderung. Die Abfahrt hinab nach Bagnères-de-Luchon konnten wir genießen.
Im Ziel auf der Allée d’Ettigny stellten wir fest, dass wir eine Stunde schneller waren als die Fahrer von 1926. Mit Blick auf die Bedingungen von damals vergessen wir diesen Vergleich aber schnell wieder und schieben unsere Räder nach 328 Kilometern und 6300 Höhenmetern kopfschüttelnd zur Unterkunft: Wie haben die das damals nur fertiggebracht?
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