Etappe 14: Nice - Briançon
04.08.2027 | 275 Kilometer | 5324 Höhenmeter
Der Wetterbericht sagte für die 14. Etappe von Nizza nach Briançon einige Kapriolen voraus. Vor 100 Jahren bekamen die Rennfahrer am Col d’Izoard eine eiskalte Dusche ab. Sollte es uns etwas genauso ergehen?
Wir waren froh, als wir die Betonwüste an der Côte d’Azur morgens um 5.30 Uhr hinter uns ließen. Die Menschenmassen entlang des Küstenstreifens, die vielen Autos und die drückende Schwüle hatten uns in den letzten Tagen doch sehr zugesetzt. Endlich also wieder ab in die Berge!
Zunächst radelten wir 80 Kilometer entlang des Var flussaufwärts in einem immer enger werdenden Tal, das an manchen Stellen zu einer Felsspalte wurde, durch die man eine Straße gebaut hatte. Wie auf jeder Etappe gesellten wir uns zwischen 7 und 8 Uhr in einem Café zu den Leuten, die gerade auf dem Weg zur Arbeit waren und die Gelegenheit nicht verpassten, ihren Nachbar*innen bei einem Espresso einen guten Morgen zu wünschen.
Der erste Anstieg nach La Colle Saint Michel begeisterte uns aufgrund der ruhigen Bergwelt, die wir dort fanden. Im Dorf an der Passhöhe tickten die Uhren doch sehr viel langsamer als im trubeligen Nizza. Es folgte die spektakuläre Abfahrt ins Verdon-Tal, bei der man es tunlich vermeiden sollte, über das Mäuerchen am Straßenrand zu fallen. Ein vorsichtiger Blick verriet, dass dies in einem Bauchplatscher ins Flüsschen aus 500 Metern Höhe enden würde.
Nach kurzem Verpflegungsstopp bei Colmars erklommen wir den Col d’Allos - den Radsportfans noch gut im Gedächtnis von Simon Geschkes Etappensieg bei der Tour de France 2015. Auf den letzten Kilometern bis zur Passhöhe ist das Sträßchen nicht breiter als ein Fahrradweg und windet sich über der Baumgrenze bis auf 2247 Metern Höhe. Die Abfahrt in Richtung Barcelonnette war äußerst anspruchsvoll: eine schmale, kurvige, rumpelige Straße, dazu ein Licht-Schatten-Geflimmer vor Augen. Auch an dieser Stelle noch einmal allen Respekt an Simon Geschke, der hier ja auch am Anschlag bergab fahren musste. Erholung gibt einem eine solche Abfahrt nicht.
Während Geschke zum Schlussanstieg nach Pra-Loup abbiegen musste, rollten wir bis ins Ubaye-Tal und steuerten mit dem Col de Vars den nächsten dicken Brocken an. Verdächtig gut ließ sich der Berg unten fahren. Darüber kann man sich freuen, bedeutet aber für die letzten Kilometer bis zum Gipfel selten etwas Gutes. Und tatsächlich warteten die letzten 5 Kilometer mit durchschnittlich 10 % Steigung auf.
Auf einer breiten Straße jagten wir vorbei an Skistationen hinab nach Guillestre und gingen gleich in den letzten Anstieg hinein zum legendären Col d’Izoard. Unten durchfährt man noch bei geringer Steigung eine enge Schlucht, bevor es dann auf 15 Kilometern steil bergauf geht. Ein wenig Radsporthistorie bekommt man an den Kilometerschildchen geboten, die sämtliche Tour-de-France-Fahrer präsentieren, die den Pass im Rennen als Erste überquert haben. Drei Kilometer vor dem Gipfel ist die Baumgrenze erreicht und man durchfährt ein einzigartiges Felsenmeer, die „Casse Déserte“. Legendäre Radsportler haben hier ihre Flügel ausgebreitet und sind allen davon geflogen…oder haben eben Federn gelassen. An einem Felsen finden sich zwei Tafeln, die an Fausto Coppi und Louison Bobet erinnern, gesponsert von den Leser*innen der „L’Equipe“. Zum dritten Mal innerhalb weniger Stunden fanden wir uns auf einem Pass in weit über 2000 Metern Höhe wieder.
Auch waren wir erleichtert, dass das Wetter gnädig mit uns war und wir den ganzen Tag die Sonne genießen konnten… bis es nach zwei Kilometern Abfahrt wie aus heiterem Himmel zu schütten begann. Kein dunkles Regenwölkchen hatte sich zuvor angekündigt. Auf einer Strecke von zehn Kilometern kämpften wir uns durch sintflutartige Regenfälle bergab, im Handumdrehen froren uns beinahe die Finger ab. Und kurz vor Briançon plötzlich wieder: trockene Straßen, als wäre nie etwas gewesen. Im Stillen grüßten wir 100 Jahre zurück in die Vergangenheit. Auch wir hatten unsere kalte Dusche am Izoard bekommen.
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