Etappenort: Mulhouse
Mulhouse wurde auch das französische Manchester genannt, da sie im Zuge der Industrialisierung vor allem durch die Textilindustrie einen rasanten Aufschwung erfuhr und 1926 mit über 100.000 Einwohnern bereits damals schon so groß war wie heute.
Beinahe ein halbes Jahrhundert war das Elsass – und damit auch Mulhouse – unter deutsche Besatzung geraten, weshalb die Region in den Anfangsjahren der Tour de France keine Rolle spielen konnte. In diesen Kontext reiht sich auch die Geschichte der Dreyfus-Affäre ein, die Frankreich in den Jahren um 1900 erschüttert hatte. Dem französischen Offizier Alfred Dreyfus – gebürtig aus Mulhouse – wurde vorgeworfen, für die Deutschen Spionage betrieben zu haben. Seine Verurteilung basierte größtenteils auf falschen Beweisen und war Ausdruck eines in Europa weit verbreiteten Antisemitismus.
Die Tour de France gastierte 1926 zum zweiten Mal in Folge in der Stadt. Im Vorjahr trug man genau dieselbe 373 km lange Etappe von Évian-les-Bains nach Mulhouse aus. Der Luxemburger Nicolas Frantz holte damals seinen dritten Etappensieg, während der Italiener Ottavio Bottecchia erfolgreich sein Gelbes Trikot verteidigte und nur noch drei Etappen bis zur Titelverteidigung in Paris durchhalten musste.
Mulhouse wurde in den Folgejahren als Etappenort von Belfort abgelöst, hat aber dennoch eine lange Tradition im modernen Radsport ab dem Zweiten Weltkrieg, vor allem als Tor zu den Vogesen.
Unvergessen die 6. Etappe der Tour de France 1969 mit Start in Mulhouse und Ziel auf dem Ballon d’Alsace, wo Eddy Merckx nicht nur seine erste Tour-de-France-Etappe gewann, sondern auch das Gelbe Trikot eroberte, das er nicht mehr abgab und somit schließlich den ersten seiner fünf Tour-de-France-Siege feierte.
Im Jahr 1981 fand ein Einzelzeitfahren rund um Mulhouse statt, das Bernard Hinault dominierte und damit seine Gesamtführung zementierte. Dasselbe gelang im Jahr 2000 Lance Armstrong, dem aber alle Titel aberkannt worden sind. 2005 eroberte Jens Voigt in Mulhouse nach einer schweren Vogesen-Etappe zum zweiten Mal das Gelbe Trikot. Auch 2014 jubelte dort ein deutscher Fahrer: Tony Martin war ein unglaublicher Solo-Sieg auf dem Weg von Gérardmer nach Mulhouse gelungen.
Auch hier wird dieses Jahr das 100-jährige Jubiläum der legendären Tour de France 1926 gefeiert werden, wenn das Peloton des Jahres 2026 zur 14. Etappe Station machen wird für einen Ritt durch die Vogesen mit der Bergankunft in Le Markstein.
Strecke
Die 2. Etappe startet in Mulhouse an der Place de la République.
164 km lang befahren die Radsportler den flachen Oberrheingraben und lassen die Vogesen links liegen.
Nach Colmar wird auch Strasbourg mit seiner prächtigen Kathedrale durchquert.
In der Zeitung wird darauf hingewiesen, dass die Strecke gesäumt ist von Soldatenfriedhöfen: aus dem „schrecklichen Jahr“ (vermutlich 1870) und von 1914.
Gleichwohl ist man der Meinung, dass sich aufgrund der Schönheit des Elsaß und Lothringens die „fünf Jahre Krieg gelohnt“ hätten.
In jedem Fall biegen die Fahrer dann im nordelsäßischen Wissembourg an der französisch-deutschen Grenze nach Westen ab.
Es folgt ein 5 km langer Anstieg zum Col du Pigeonnier. Ab hier ist das Gelände in den nördlichen Ausläufern der Vogesen permanent hügelig. Ganz dicht geht es an der Grenze zum Saarland entlang.
Zwei weitere kleine Bergwertungen sind zu bewältigen, bevor es in Richtung Ziel in Metz geht.
Am Boulevard Poincaré am Ufer der Mosel angekommen, werden die Fahrer 334 km absolviert haben.
Eine Etappe, die in der Zeitung dennoch als „hoffnungslos flach“ bezeichnet wird.
Es sei abzuwarten, ob die Favoriten Bottecchia, Sellier, Frantz, Lucien Buysse es auf dieser Etappe versuchen würden, den Rückstand auf das Maillot Jaune zu verringern.
Etappenbericht
Hello, bonjour und guten Tag zur 2. Etappe von Mulhouse nach Metz!
Eigentlich waren auf der 1. Etappe nur 40 der 126 gestarteten Fahrer innerhalb des Zeitlimits geblieben; der Rückstand durfte maximal 20% der Siegerzeit betragen. Dennoch durften alle 111 Fahrer, die Mulhouse regelkonform erreicht hatten, um 4 Uhr morgens an der Place de la République wieder an den Start gehen. Am Ruhetag war allerdings auch eine Disqualifikation vermeldet worden: Battista Recrosio wurde aus dem Rennen ausgeschlossen, weil er einen Teil der 1. Etappe nicht etwa im Rennsattel, sondern auf einem bequemen Autositz absolviert hatte!
Nicht nur zu solchen Geschehnissen, aber auch zum Rennen im Allgemeinen meinte Tour-Direktor Henri Desgrange: „Um ehrlich zu sein, muss man investigative Fähigkeiten haben, um den Verlauf der Etappen nachvollziehen zu können. Ich kann mir vorstellen, dass es eines Tages ein kleines Flugzeug geben wird, das ein paar Meter über den Köpfen der Fahrer schwebt und von dem aus man ganz einfach von der Rennspitze ans Rennende und zurück gelangen kann und jederzeit alles im Blick hat.“
Die 2. Etappe war nach Aussagen der Journalisten lang, heiß, monoton und hart. In der unendlichen Ebene des Elsaß wurden die Fahrer in der Hitze gegrillt, das Peloton blieb weitgehend zusammen. In Strasbourg säumten zehntausende Menschen die großen Boulevards. Danach wieder: endlose Weiten zwischen den Dörfern. Die Fahrer stoppten an jedem Brunnen, um ihre Flaschen wieder aufzufüllen. Manche „Anfänger“, wie sie in L’Auto betitelt wurden, waren ohne Brille unterwegs – keine gute Idee in der Sonne und im Staub. Heulend habe man sie nach Wasser bettelnd am Straßenrand gesehen.
Ein wenig belebt wurde das Rennen in den Nordvogesen dann doch noch. Gerade an der 10% steilen Rampe von Lembach hat Lucien Buysse, der Bruder des Mannes im Maillot Jaune und einer der großen Favoriten, einen Plattfuß. Er fand schnell wieder Anschluss und attackierte sogar am nächsten Anstieg! Nach und nach gab es immer mehr Tempoverschärfungen, wie bei einem Ausscheidungsfahren. Schließlich waren es noch 25 Fahrer, die an der Spitze liegend die Stadtgrenze von Metz erreichten. Jules Buysse als Gesamtführender hielt sich clever aus allen Gefahren heraus. Im Sprint siegte der 24-jährige Belgier Aimé Dossche vom Team Christophe-Hutchinson. In der Gesamtwertung gab es keine nennenswerten Veränderungen. Die Favoriten um Ottavio Bottecchia, Nicolas Frantz und Lucien Buysse hatten keine Zeit aufholen können.
Etappenergebnis und Gesamtklassement
Ergebnisse Etappe 2:
1. Aimé Dossche (BEL, Christophe-Hutchinson) 13h29‘16“
2. Félix Sellier (BEL, Aloyon-Dunlop) +0“
3. Joseph Van Dam (BEL, Automoto-Hutchinson) +0“
4. Adelin Benoît (BEL, Aloyon-Dunlop) +0“
5. Georges Cuvelier (FRA, Météore-Wolber) +0“
6. Henri Collé (SUI, Jean Louvet-Hutchinson) +0“
7. Gustave Van Slembroeck (BEL, J.-B. Louvet-Wolber) +0“
8. Raymon De Corte (BEL, J.-B. Louvet-Wolber) +0“
9. Marcel Bidot (FRA, Thomann-Dunlop) +0“
10. Albert Flahaut (FRA, Météore-Wolber) +0“
Gesamtklassement:
1. Jules Buysse (BEL, Automoto-Hutchinson) 27h41‘20“
2. Camille Van de Casteele (BEL, J.-B. Louvet-Wolber) +13‘6“
3. Léon Parmentier (BEL, Jean Louvet-Hutchinson) +13‘6“
4. Georges Cuvelier (FRA, Météore-Wolber) +13‘6“
5. Adelin Benoît (BEL, Aloyon-Dunlop) +13‘6“
6. Odiel Taillieu (BEL, J.-B. Louvet-Wolber) +13‘6“
7. Gustave Van Slembroeck (BEL, J.-B. Louvet-Wolber) +13‘6“
8. Albert Dejonghe (BEL, J.-B. Louvet-Wolber) +14‘15“
9. Jean Debusschere (BEL, Aloyon-Dunlop) +17‘55“
10. Raymon Decorte (BEL, J.-B. Louvet-Wolber) +21‘7“
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