Etappenort: Metz
Der Zielort der 2. Etappe war Metz, die als Hauptstadt der Lorraine (Lothringens) eine ganz besondere Bedeutung für Frankreich hat.
Schließlich war die Region genauso wie das Elsass zwischen 1871 und 1918 unter deutscher Besatzung gewesen. Viele Franzosen waren geflohen, sodass sich schließlich auch hier die deutsche Sprache immer mehr durchgesetzt hatte.
Dies wurde aber nach dem 1. Weltkrieg rückgängig gemacht, als die Franzosen wieder in ihre Heimatstadt zurückkehren konnten.
Trotz deutscher Besatzung war Metz zwischen 1907 und 1910 Etappenort der Tour de France gewesen. Zwei Mal in Folge hatte hier der Luxemburger François Faber triumphiert.
Zwischen 1919 und 1938 war Metz jedes Jahr fest im Programm.
Nach den 1950er Jahren kam die Tour de France nicht mehr allzu oft in die Moselstadt. 1964 gewann der Mannheimer Rudi Altig im Sprint einer sechsköpfigen Spitzengruppe. Zuletzt war die Tour de France 2012 zu Gast, als Peter Sagan bei seiner ersten Tour-Teilnahme seinen dritten Etappensieg feierte.
Strecke
Die 3. Etappe war der längste Streckenabschnitt der Tour de France 1926.
Satte 433 km waren zwischen Metz in der Lorraine und Dunkerque am Ärmelkanal zu befahren. Also ob das nicht genug wäre, bestand die Strecke außerdem aus 150 km Kopfsteinpflaster. Die „Hölle des Nordens“ war also damals schon fest im Programm.
Die Bezeichnung bezieht sich nicht nur auf die rauen Straßenbedingungen, sondern auch auf die Schrecken des Ersten Weltkrieges, der in dieser Region besonders heftig tobte. Noch keine acht Jahre waren seit Kriegsende vergangen. Viele Fahrer standen 1926 nicht am Start, da sie als Soldaten in den Schützengräben ums Leben gekommen waren, darunter mit Lucien Petit-Breton und François Faber auch zwei ehemalige Gesamtsieger. Für das Peloton war der Krieg also ein sehr präsentes Ereignis…
Auch im Rennen hatten sich hier schon mehrmals Dramen abgespielt. Besagter Petit-Breton musste auf den pavés 1913 das Rennen aufgeben. Im Jahr 1919 erlitt Eugène Christophe, im Maillot Jaune souverän in Führung liegend, auf der vorletzten Etappe bei Valenciennes ein Gabelbruch und verlor damit den Gesamtsieg.
Blieb also abzuwarten, wie sich die Fahrer 1926 schlagen würden. Nach dem Start in Metz ging es auf welligem Terrain durch die Ausläufer der Ardennen über Sedan nach Charleville-Mézières. Ab Valenciennes wurde das Terrain flacher, dafür das Kopfsteinpflaster umso heftiger. Nach der Durchquerung von Lille folgte die einzige Bergwertung des Tages am traditionellen Anstieg nach Cassel, bevor es noch 30 flache Kilometer bis Dunkerque zu befahren galt.
Etappenbericht
Hello, bonjour und guten Tag zur 3. Etappe von Metz nach Dunkerque!
Der Start zur längsten Tour-Etappe – satte 433 km standen auf dem Programm – erfolgte um Mitternacht! Kurze Zeit später standen mehr als zehn schmale dunkle Silhouetten in der Nacht: Sie hatten alle gleichzeitig Defekt, offenbar waren Reißnägel auf die Straße gestreut worden. Zur Frühstückszeit um 6 Uhr erreichte das Peloton Sedan, etwa 1000 Zuschauer hatten sich an der Verpflegungskontrolle versammelt. Eine Stunde später in Charleville-Mézières dasselbe Bild – und ähnliche Probleme wie heutzutage am Streckenrand. Ein Juryauto hielt eilig an, die Beschwerde von einigen Zuschauerinnen folgte sofort: Sie stünden hier jetzt schon seit zwei Stunden und freuten sich auf die Rennfahrer. Ob das Auto nicht woanders abgestellt werden könnte!?
Der Norden Frankreichs erweckte einige Melancholie bei den Journalisten, so kurz nach den Kriegsjahren. Die Natur eroberte sich die Krater und Schützengräben zurück. Berichtet wurde von den Männern, die sich entweder in Fabrikgebäuden oder unter Tage aufhielten. Passierte die Tour de France allerdings die Dörfer des Nordens, so war Feiertag. Volksfest allerorten, der Radsport als „Meister und König des Nordens“.
Die furchtbar lange Etappe ließ außerdem Zeit für anderweitige Beobachtungen am Rande des Rennens: Der Tour-Sekretär wurde bei einem kleinen Nickerchen fotografiert, Joseph Van Dam bandelte mit einer Bäuerin auf einem Fahrrad an, ein anderer Fahrer machte an einer Verpflegungskontrolle mit einer Zigarre im Mund seine Scherze.
Ernst wurde das Rennen aber, als man sich Valenciennes näherte und das Kopfsteinpflaster immer ruppiger wurde. Über 150 km mussten an diesem Tag auf den berüchtigten Pavés absolviert werden. In Lille waren extrem viele Zuschauer an der Straße, vier Fahrer hatten sich kurz vor der Stadt absetzen können. Die Verpflegungskontrolle ließen sie quasi links liegen, das Peloton jagte ihnen hinterher und tat es ihnen gleich, die meisten Verpflegungsbeutel blieben liegen. Äußert gewagt bei noch 80 zu fahrenden Kilometern!
Schließlich blieben nur Gustave Van Slembroeck, Zweiter bei Paris-Roubaix im Frühjahr, und sein belgischer Landsmann Albert Dejonghe an der Spitze. Am Mont Cassel hatten die beiden fünf Minuten Vorsprung auf die nächste Gruppe, die vom Luxemburger Nicolas Frantz angeführt wurde. Am Ziel in Dunkerque waren es über zehn Minuten.
Van Slembroeck hatte sich für den Sprint mehr Kräfte gespart und gewann souverän. In der Zeitung wurde er als bester Fahrer der bisherigen Saison bezeichnet und galt nun auch als heißer Favorit für den Gesamtsieg. Denn schließlich übernahm er mit dem Etappensieg auch das Maillot Jaune von Jules Buysse, der keinen guten Tag erwischt hatte und auf den dritten Rang in der Gesamtwertung zurückfiel.
Bei den Touriste-Routiers lag Giovanni Rossignoli nun schon fast mit einer ganzen Stunde Vorsprung an der Spitze – und das im legendären Alter von 44 Jahren! Insgesamt waren nur noch 93 von ursprünglich 126 Fahrern im Rennen. Die ersten drei Etappen hatten das Fahrerfeld also schon bereits stark ausgedünnt. Welche Überraschungen sollten die Normandie und die Bretagne bereit halten?
Etappenergebnis und Gesamtklassement
Ergebnisse Etappe 3:
1. Gustave Van Slembroeck (BEL, J.-B. Louvet-Wolber) 17h11‘14“
2. Albert Dejonghe (BEL, J.-B. Louvet-Wolber) +0“
3. Adelin Benoît (BEL, Aloyon-Dunlop) +10‘45“
4. Georges Cuvelier (FRA, Météore-Wolber) +10‘45“
5. Théo Beeckman (BEL, Armor-Dunlop) +10‘45“
6. Odiel Taillieu (BEL, J.-B. Louvet-Wolber) +10‘45“
7. Bartolomeo Aimo (ITA, Aloyon-Dunlop) +10‘45“
8. Camille Van de Casteele (BEL, J.-B. Louvet-Wolber) +12‘22“
9. Nicolas Frantz (LUX, Aloyon-Dunlop) +12‘22“
10. Léon Devos (BEL, Thomann-Dunlop) +12‘22“
1. Gustave Van Slembroeck (BEL, J.-B. Louvet-Wolber) 45h5‘40“
2. Albert Dejonghe (BEL, J.-B. Louvet-Wolber) +1‘9“
3. Jules Buysse (BEL, Automoto-Hutchinson) +6‘17“
4. Adelin Benoît (BEL, Aloyon-Dunlop) +10‘45“
5. Georges Cuvelier (FRA, Météore-Wolber) +10‘45“
6. Odiel Taillieu (BEL, J.-B. Louvet-Wolber) +10‘45“
7. Camille Van de Casteele (BEL, J.-B. Louvet-Wolber) +12‘22“
8. Léon Parmentier (BEL, Jean Louvet-Hutchinson) +18‘5“
9. Lucien Buysse (BEL, Automoto-Hutchinson) +22‘51“
10. Secondo Martinetto (ITA, Météore-Wolber) +32‘49“
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