Etappe 6: Cherbourg - Brest

28. Juni 1926: Le Havre - Cherbourg (357 Kilometer, 2163 Höhenmeter)

Etappenort: Cherbourg

Die „Tour der Häfen“ wurde nach dem Besuch in Dunkerque und Le Havre fortgesetzt. Die 38.000-Einwohner-Stadt Cherbourg liegt am Ärmelkanal und hat neben einem Handelshafen auch einen Fischerhafen, einen Yachthafen und einen der wichtigsten Militärhäfen Frankreichs. Zudem ist Cherbourg Startpunkt für Fähren nach Irland und England. Nach der Fusion mit mehreren Nachbargemeinden im 21. Jahrhundert heißt die Stadt offiziell Cherbourg-en-Cotentin, benannt nach der gleichnamigen Halbinsel.

Zwischen 1911 und 1929 war Cherbourg jährlich Teil der Tour de France. Mit Romain Bellenger gab es sogar einen regelrechten Seriensieger, der hier 1921, 1922, 1924 und 1925 gleich vier Mal gewann. Sollte ihm dieses Kunststück 1926 noch einmal gelingen? Im modernen Radsport kam die Tour de France lediglich drei Mal nach Cherbourg. Im Jahr 1986 feierte Guido Bontempi den ersten seiner insgesamt sechs Etappensiege. Acht Jahre später kehrte man nach einem Abstecher nach England auf den Kontinent zurück und startete in Cherbourg eine Etappe mit Ziel in Rennes, wo Gianluca Bortolami vom berühmten Mapei-Team seine einzige Tour-de-France-Etappe gewann. Letztmalig war das Rennen 2016 zu Gast, als Peter Sagan die 2. Etappe gewann und zum ersten Mal in seiner Karriere das Gelbe Trikot übernahm.

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Strecke: Cherbourg - Brest

Die 6. Etappe startete in Cherbourg und führte zunächst auf mehr als 100 Kilometern in südlicher Richtung.

In Coutances passierten die Fahrer auch das Bahnhofscafé, das zwei Jahre zuvor einige Berühmtheit erlangt hatte. Der Vorjahressieger Henri Pélissier war der wohl talentierteste Fahrer seiner Zeit, aber auch bekannt für seine Starallüren. Trotzig setzte er sich mit seinem Bruder und Teamkollegen Francis ins Café, verkündete seinen Abschied von der Tour de France und übte beißende Kritik an Tour-Direktor Desgrange und dessen Regelwerk, von dem sich die Fahrer drangsaliert fühlten.

Auch erzählte Pélissier, mithilfe von welchen Medikamenten und Drogen es angeblich überhaupt nur möglich sei, die übertriebene Härte des Rennens durchstehen zu können.

Der Journalist Albert Londres setzte der Szenerie mit seinem Artikel „Les forçats de la route“ (Die Sträflinge der Landstraße) ein Denkmal.

Einige Kilometer weiter durchquerten die Fahrer den Luftkurort Granville – ob auch der junge Christian Dior den Fahrern am Straßenrand zujubelte?

Am Ende der Halbinsel Cotentin verließ das Peloton bei Avranches die Normandie und gelangte in die Bretagne, wo die Rennfahrer vom berühmten Mont Saint-Michel begrüßt wurden.

Weiter ging es auf der Route des berühmten Rennens Paris-Brest-Paris, durch malerische Landschaften und Städtchen immer tiefer in den Westen.

Nach 405 km erreichten die Fahrer das Velodrom von Brest, das als eine Wiege des französischen Radsports galt.

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Hier findet Ihr die Strecke bei Komoot und Google Maps zum Nachfahren oder näher anschauen:

Etappenbericht

Hello, bonjour und guten Tag! Der Start zur 6. Etappe erfolgte nachts um 2 Uhr am Quai Alexandre III in Cherbourg. 

Wie schon auf den vergangenen Etappen nutzten die Fahrer die Stunden in der Nacht, um in Tritt zu kommen und die ersten Kilometer lediglich abzuspulen. 

Doch diesmal schien das Einrollen etwas länger zu dauern. Vielleicht lag es auch an malerisch schönen Städtchen wie Coutances, Granville oder Dinan, dass es die Fahrer etwas ruhiger angehen ließen. 

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Erst nach 290 km hinter Guingamp animierte sich das Rennen. Die Kopfgruppe verkleinerte sich, doch alle Favoriten waren aufmerksam. 

Der Schweizer Henri Collé zeigte sein großes Kämpferherz, als er in den Wellen immer wieder abgehängt wurde und sich immer wieder herankämpfte. 

Das Peloton wirkte in den Hügeln der Bretagne wie ein Akkordeon, das sich auseinanderzog und wieder zusammenkam. Das favorisierte Team Automoto war an der Spitze mit zehn Fahrern vertreten und sehr aktiv. 

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So war es nicht verwunderlich, dass die Mannschaft ihren zweiten Etappensieg holte. 

In Brest kamen 29 Fahrer zusammen an der Spitze im Velodrom Kerinou an. Wieder stoppte Tour-Direktor Desgrange das Rennen und ließ ein kurzes Sprintturnier austragen. 

Zwar fuhr erneut Félix Sellier als Erster über den Zielstrich. Er wurde aber zurückgestuft, da er Joseph Van Dam im Sprint behindert hatte, der schließlich zum Sieger erklärt wurde. 

Henri Collé

Mit einem Blick auf die Gesamtwertung zeigten sich keine Veränderungen. 

Bemerkenswert ist, dass der Letztplatzierte Angelo Brumana bereits über 18 Stunden Rückstand aufwies. Ein Cartoon in der Zeitung zeigte ihn mit hochrotem Kopf als Anspielung auf die Rote Laterne. Dazu der Spruch: „Von Paris nach Evian ist es leichter gegangen!“ 

Zur Erinnerung: die Fahrer hatten sich in Paris getroffen, waren gemeinsam zum Bahnhof geradelt und mit dem Zug zum Grand Départ in Evian angereist.

Etappenergebnis

1. Joseph Van Dam (BEL, Automoto-Hutchinson) 16h12‘49“

2. Félix Sellier (BEL, Alcyon-Dunlop) +0“

3. Aimé Dossche (BEL, Christophe-Hutchinson) +0“

4. Romain Bellenger (FRA, J.-B. Louvet-Wolber) +0“

5. Raymond Decorte (BEL, J.-B. Louvet-Wolber) +0“

6. Marcel Bidot (FRA, Thomann-Dunlop) +0“

7. Ottavio Bottecchia (ITA, Automoto-Hutchinson) +0“

8. Gustave Van Slembroeck (BEL, J.-B. Louvet-Wolber) +0“

9. Benoît Faure (FRA, Météore-Wolber) +0“

10. Léon Parmentier (BEL, Jean Louvet-Hutchinson) +0“

Gesamtklassement

1. Gustave Van Slembroeck (BEL, J.-B. Louvet-Wolber) 90h29‘39“

2. Albert Dejonghe (BEL, J.-B. Louvet-Wolber) +1‘9“

3. Jules Buysse (BEL, Automoto-Hutchinson) +6‘17“

4. Adelin Benoît (BEL, Aloyon-Dunlop) +10‘45“

5. Georges Cuvelier (FRA, Météore-Wolber) +10‘45“

6. Odiel Taillieu (BEL, J.-B. Louvet-Wolber) +10‘45“

7. Camille Van de Casteele (BEL, J.-B. Louvet-Wolber) +12‘22“

8. Lucien Buysse (BEL, Automoto-Hutchinson) +22‘51“

9. Léon Parmentier (BEL, Jean Louvet-Hutchinson) +28‘24“

10. Secondo Martinetto (ITA, Météore-Wolber) +37‘12“

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