6. Juli 1926: Bayonne - Luchon (326 Kilometer, 6238 Höhenmeter)
Scroll down for the English version | Défilez vers le bas pour la version française
Klicken zum Vergrößern
Hier findet Ihr die Strecke bei Komoot und Google Maps zum Nachfahren oder näher anschauen:
Etappenbericht
Hello, bonjour und guten Tag!
Der 6. Juli 1926 gehört zu den denkwürdigsten Tagen, die es bei der Tour de France jemals gegeben hat. Nur selten spielten sich solche Dramen ab wie auf jener 10. Etappe zwischen Bayonne und Luchon.
Bereits vor dem Start begannen für manchen Fahrer die Kapriolen. Der Bergfloh Angelo Brumana stürzte auf dem Weg zur Einschreibekontrolle, wobei sein Rahmen brach. Er flehte die Organisatoren an, dass er mit einem Ersatzrad starten dürfe, das er aber als Touriste-routier gar nicht zur Verfügung hatte. Sein Landsmann Mose Arrosio lieh ihm 100 Francs, sodass er sich ein neues Rad besorgen konnte. Dies alles wohlgemerkt mitten in der Nacht, denn der Start war für 2 Uhr angesetzt. Brumana konnte wegen der Suche nach einem passenden Rennrad erst mit anderthalb Stunden Verspätung das Rennen in Angriff nehmen.
Klicken zum Vergrößern
Vom Start weg herrschte grauenvolles Wetter, es schüttete wie aus Eimern und je näher die Fahrer den Bergen kamen, desto kälter wurde es. Jedem war klar, dass die 326 km lange Strecke durch die Pyrenäen an diesem Tag zu einem wahrhaften Martyrium würden.
Bei der Auffahrt zum Col d’Aubisque wurden die Ausmaße des Unwetters schließlich allen klar. Das Feld zerfiel sofort auf den steilen, schlammigen Serpentinen. Erstaunlich viele Zuschauer hatten sich an die Strecke bemüht, die im Regen verzweifelt versuchten, Feuer am Straßenrand zu machen, um sich aufzuwärmen. Lucien Buysse, der im Vorjahr Zweiter geworden war, gab am Aubisque sofort den Ton an. Henri Desgrange verglich ihn tags darauf mit einem Granitfelsen, an dem sämtliche Wasserfluten wirkungslos abprallten. Oben am Gipfel hatte Buysse bereits knapp zwei Minuten Vorsprung auf seine nächsten Verfolger.
Danach begann das Drama auf der schlammigen Abfahrt so richtig: Albert Dejonghe riskierte alles und holte seine drei Minuten Rückstand auf den Spitzenreiter auf. Mitfavorit Adelin Benoît versuchte, Dejonghe zu folgen, stürzte aber schwer und musste am Kopf blutend und mit Gehirnerschütterung das Rennen aufgeben!
Klicken zum Vergrößern
Am Col du Tourmalet glich die Straße eher einer Schlammlawine. Die Autofahrer hatten größte Mühe, ihre Vehikel auf der Straße zu halten. Selbst für Desgrange war es ein Rätsel, wie man hier noch mit Rennrädern fahren konnte. Odiel Taillieu schaffte im Anstieg den Anschluss an das Spitzenduo. Und nicht nur das: Hinter Barèges konnte er beide sogar abhängen! Dejonghe schien kurz vor einem Hungerast zu stehen und musste sein Rad sogar zweitweise schieben. Bis zum Gipfel verlor er ganze 14 Minuten.
Vorjahressieger Ottavio Bottecchia hatte bereits am Aubisque unter Tränen verkündet, dass er das Rennen verlassen würde, war dann aber doch weitergefahren. Seit Tagen war er krank gewesen, am Tourmalet gab er die Tour de France schließlich auf. Dass weiter oben am Anstieg der Regen in Schnee überging und zudem ein starker Wind brauste, bekam er nicht mehr mit.
Ottavio Bottecchia und Lucien Buysse im Col du Tourmalet
Eine Überraschung nahmen die Organisatoren in Sainte-Marie-de-Campan wahr: Am Gipfel des Tourmalet hatte Buysse noch anderthalb Minuten hinter Taillieu gelegen. Jetzt nach der Abfahrt hatte er plötzlich fünf Minuten Vorsprung! Er musste also ein großes Risiko eingegangen sein und hatte Taillieu bergab keine Chance gelassen.
Beim Anstieg zum Col d’Aspin konnte Buysse nun seine Führung sogar ausbauen, sodass er oben drei Minuten vor Taillieu lag. Am letzten Berg hinauf zum Peyresourde brach Taillieu schließlich völlig ein, sodass er am Ende mit großem Rückstand nur auf dem 8. Platz landete. Lucien Buysse konnte sein Tempo auf beeindruckende Weise durchziehen, das furchtbare Wetter schien ihm nichts anhaben zu können. Er gewann die Etappe mit 25 Minuten Vorsprung auf Bartolomeo Aimo und übernahm damit auch das Gelbe Trikot.
Der bisherige Träger des Maillot Jaune Gustave Van Slembroeck verlor auf der Etappe fast zwei Stunden und fiel in der Gesamtwertung auf den 10. Platz zurück. Die letzten Fahrer lagen auf der Etappe so weit zurück, dass sich die Organisatoren begannen, Sorgen zu machen, und ihnen mit dem Auto wieder entgegenfuhren, um nach ihnen zu suchen. Der Etappenletzte Fernand Besnier kam schließlich nach einer Fahrzeit von 22:47 Stunden ins Ziel, er erreichte Luchon also weit nach Mitternacht.
22 Fahrer hatten das Rennen während der Etappe aufgeben müssen, womit das Peloton jetzt nur noch aus 54 Fahrern bestand.
Bis heute gilt es als legendär, wie sich die Rennfahrer auf 16 kg schweren Rennrädern bei grauenvollem Wetter über die Pyrenäenberge quälten.
English
Stage 10: Bayonne - Luchon
6 July 1926
(326 kilometres, 6238 metres of climbing)
Français
Étape 10: Bayonne - Luchon
6 juillet 1926
(326 kilomètres, 6238 mètres de dénivelé)
Erstelle deine eigene Website mit Webador