Etappe 3: Metz - Dunkerque
15.07.2027 | 433 Kilometer | 2720 Höhenmeter
Die 3. Etappe von Metz nach Dunkerque war mit 433 Kilometern der längste Abschnitt der Tour de France 1926 und damit auch unseres ReRide1926. Höhen und Tiefen gibt es auf so einer Etappe nicht nur im Streckenprofil…
Um 4.15 Uhr waren wir bereit zur Abfahrt an der Place du Pontiffroy in Metz. Die Nacht war uns durch das Feuerwerk im Rahmen des französischen Nationalfeiertages noch zusätzlich verkürzt worden. Dennoch waren wir guter Dinge, die relativ flache Etappe bis ans Ufer des Ärmelkanals gut bewältigen zu können.
Etwa eine Stunde lang war es noch dunkel. Zum Glück hatte auf den Straßen außerhalb von Metz niemand Reißnägel gestreut, so wie es vor 100 Jahren geschehen war. So gelangten wir recht zügig aus dem Moseltal hinaus in die Hügellandschaft der südlichen Ardennen. Seit dem Elsass begleitete uns ein wenig auch die Nachdenklichkeit. Denn entlang der früheren Maginot-Linie finden sich an zahllosen Orten Soldatenfriedhöfe, Mahnmale, Festungen, Bunker, Kriegsdenkmäler… Mal von Deutschen, mal von Franzosen errichtet, erinnerten sie uns an Zeiten, an denen man sich lieber gegenseitig über den Haufen schoss, als sich mit dem Fahrrad zu besuchen.
In Sedan erreichten wir das schöne Tal der Maas und erfreuten uns der prächtigen Gebäude am Rathausplatz von Charleville-Mézières. In der Folge wurde die Strecke ein wenig unangenehmer und es zeigten sich die Nachteile davon, dass wir versuchen, die Route der Tour de France 1926 möglichst exakt nachzufahren. Meist befuhr das Peloton damals die Verbindungsstraßen zwischen den größeren Städten, was heute nicht selten alte oder aktuelle Nationalstraßen sind. Hin und wieder sind diese vierspurig ausgebaut, sodass wir parallel dazu auf Nebenstrecken unterwegs sind. Meist sind die Straßen aber befahrbar, wenn auch gelegentlich mit viel Verkehr. So hatten wir auf dem Weg nach Maubeuge an der belgischen Grenze nicht nur mit heftigem Gegenwind zu kämpfen, sondern auch mit dem krassen Lärm der Lkws, die die N2 entlang donnerten.
In ruhigere Gefilde gelangten wir auf kleineren Sträßchen in Richtung Valenciennes. Das alte Bergbaugebiet im Nordosten Frankreichs ist im Radsport berühmt, vor allem natürlich für das legendäre Paris-Roubaix, das seit 1896 dort über das Kopfsteinpflaster führt. Vor 100 Jahren bestanden die meisten Straßen noch aus den rauen Pavés, die sich heute glücklicherweise nur noch auf den winzigen Bauernstraßen zwischen den Feldern finden und eigens von den „Amis de Paris-Roubaix“ für das Rennen im April gepflegt werden. Ein ganz besonderer Abschnitt ist jener durch den Wald von Arenberg, der an der Einfahrt von einem Denkmal für Jean Stablinski geziert wird. Als Sohn polnischer Einwanderer begann er in jungem Alter, in den Minen von Arenberg zu arbeiten. Jeden Morgen und jeden Abend durchfuhr er mit seinem Fahrrad den Wald von Arenberg, um zur Arbeit und wieder nach Hause zu kommen. Aus dem Arbeiterkind wurde einer der erfolgreichsten französischen Radrennfahrer seiner Zeit, er gewann sogar die Weltmeisterschaft. Zeit seines Lebens blieb er in seiner Heimatregion im Norden Frankreichs verwurzelt und brachte die Organisatoren von Paris-Roubaix schließlich auch dazu, den Wald von Arenberg zum festen Bestandteil der Strecke zu machen.
Beeindruckt von der legendären Kulisse durchfuhren wir die Schneise von Arenberg auf dem schmalen Schotterstreifen neben dem Kopfsteinpflaster und gelangten im nächsten Dorf wieder auf unsere Originalroute. Nun waren wir in der Radsportregion Flandern angekommen, was sich nicht zuletzt am hervorragenden Fahrradwegnetz von Lille bemerkbar machte. Die Grand-Place ist natürlich auch ohne das Tour-de-France-Peloton eine Augenweide.
Auf den letzten 60 Kilometern stellte sich lediglich noch das Dorf Cassel auf dem gleichnamigen Berg in den Weg, gleichfalls ein Traditionsort des Radsports, über beide Seiten nur über Kopfsteinpflasterstraßen zu erreichen. Am Fuße des Anstiegs findet sich der Gedenkstein für Antoine Demoitié, der 2016 an dieser Stelle beim Frühjahrsklassiker Gent-Wevelgem tödlich verunglückt war. Ein Radtourist hatte seine Trinkflasche im Gedenken an den jungen Belgier zurückgelassen.
Auf dem restlichen Weg nach Dunkerque holte uns die Nacht ein. Am Quai de Saint-Omer erinnert nichts mehr an die historische Stadt von vor einem Jahrhundert, denn die heutigen Gebäude sind allesamt neueren Datums. Doch für die Stadtbesichtigung ergibt sich vielleicht am Ruhetag noch die Gelegenheit.
Erstelle deine eigene Website mit Webador